{"id":5179,"date":"2014-05-01T13:46:23","date_gmt":"2014-05-01T11:46:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.daten-speicherung.de\/?p=5179"},"modified":"2014-05-01T13:46:23","modified_gmt":"2014-05-01T11:46:23","slug":"studie-nutzen-von-videoueberwachung-in-deutschland-nicht-nachzuweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daten-speicherung.de\/index.php\/studie-nutzen-von-videoueberwachung-in-deutschland-nicht-nachzuweisen\/","title":{"rendered":"Studie: Nutzen von Video&#252;berwachung in Deutschland nicht nachzuweisen"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren habe ich &#252;ber eine Studie im Auftrag des britischen Innenministeriums <a href=\"http:\/\/www.daten-speicherung.de\/index.php\/studie-videoueberwachung-kaum-von-nutzen\/\">berichtet<\/a>, derzufolge Video&#252;berwachung ein ineffektives Hilfsmittel ist, wenn sie die Kriminalit&#228;tsrate senken und das Sicherheitsgef&#252;hl der Menschen st&#228;rken soll. Heute m&#246;chte ich &#252;ber eine <span style=\"background-color: #ffff99;\">Vergleichsuntersuchung der Video&#252;berwachungsprojekte in 27 deutschen St&#228;dten<\/span> berichten (<a href=\"https:\/\/pub.uni-bielefeld.de\/download\/2306207\/2306210\">Brandt 2004<\/a>).<\/p>\n<h3>Abschreckung von Straftaten nicht nachweisbar<\/h3>\n<p>Video&#252;berwachung wird vielfach damit begr&#252;ndet, dass sie von der Begehung von Straftaten abschrecke. Brandts Analyse stellt zwar tats&#228;chlich in 19 der 27 St&#228;dte eine &#8222;<span style=\"background-color: #ffff99;\">leicht r&#252;ckl&#228;ufige Tendenz der Straftaten<\/span>&#8220; im &#252;berwachten Bereich fest. Aus verschiedenen Gr&#252;nden l&#228;sst sich aber nicht feststellen, dass dieser Effekt gerade auf der Video&#252;berwachung beruhe:<\/p>\n<ol>\n<li>In den meisten F&#228;llen stellte die Video&#252;berwachung <span style=\"background-color: #ffff99;\">lediglich eine Ma&#223;nahme in einem Ma&#223;nahmenkomplex<\/span> dar. So bleibt unklar, &#8222;ob die Abschreckung aufgrund eines effektiveren Einsatzes der Polizei erzielt wurde oder Erfolg der Video&#252;berwachung ist.&#8220; Gegen eine Pr&#228;ventivwirkung der &#220;berwachungskameras spricht die Feststellung der Autorin, &#8222;dass es zu einer Abnahme der Delikte bereits in der Planungs- und Diskussionsphase der Anlage kam.&#8220;<\/li>\n<li>Die Untersuchungen verglichen &#196;nderungen der Kriminalit&#228;tsrate in der &#252;berwachten Gegend nicht mit der Kriminalit&#228;tsentwicklung in einer Vergleichsfl&#228;che. <span style=\"background-color: #ffff99;\">Ging die Kriminalit&#228;t in der jeweiligen Stadt allgemein zur&#252;ck<\/span>, w&#228;re ein Nutzen der Video&#252;berwachung nicht gegeben.<\/li>\n<li>&#8222;In zahlreichen F&#228;llen konnte eine <span style=\"background-color: #ffff99;\">territoriale Verdr&#228;ngung<\/span> beobachtet werden.&#8220; Werden Straftaten lediglich an einen anderen Ort verdr&#228;ngt, kann von mehr Sicherheit nicht gesprochen werden. Die Aufl&#246;sung eines &#8222;Brennpunkts&#8220; kann sogar dazu f&#252;hren, dass in bisher unbelasteten Gegenden mehrere kleinere Brennpunkte entstehen.<\/li>\n<li>Geringe R&#252;ckg&#228;nge der Kriminalit&#228;tsrate (um weniger als 5%) sind <span style=\"background-color: #ffff99;\">nicht statistisch signifikant<\/span> und k&#246;nnen auf Zufall beruhen.<\/li>\n<li>Es bleibt offen, ob die Kriminalit&#228;tsentwicklung &#252;ber einen ausreichend langen <span style=\"background-color: #ffff99;\">Zeitraum<\/span> hinweg beobachtet wurde, um die Frage einer dauerhaften Wirksamkeit der Video&#252;berwachung untersuchen zu k&#246;nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Fazit der Autorin:<\/p>\n<blockquote><p>Da in den meisten F&#228;llen die Video&#252;berwachung eine Ma&#223;nahme in einem Ma&#223;nahmenkomplex darstellte, k&#246;nnen <span style=\"background-color: #ffff99;\">keine eindeutigen Aussagen<\/span> &#252;ber die Wirkungen der Video&#252;berwachung getroffen werden.<\/p><\/blockquote>\n<h3>Keine h&#246;here Aufdeckungsrate<\/h3>\n<p>Video&#252;berwachung wird oft auch damit begr&#252;ndet, dass sich Straftaten mithilfe von &#220;berwachungsb&#228;ndern leichter aufkl&#228;ren lie&#223;en. Tats&#228;chlich sind entsprechende Einzelf&#228;lle in den Medien immer gerne dargestellt. Derartige Bilder sagen jedoch nichts dar&#252;ber aus, ob die Straftaten nicht auch ohne sie aufkl&#228;rbar w&#228;ren (z.B. mithilfe von Spuren).<\/p>\n<p>Die Untersuchung Brandts kommt zu einem erstaunlich eindeutigen Ergebnis:<\/p>\n<blockquote><p>Die Ergebnisse zeigen, dass mit der Video&#252;berwachungsma&#223;nahme die <span style=\"background-color: #ffff99;\">Aufdeckungsrate nicht steigt<\/span>. Folglich stellt die Aufzeichnung durch die Video&#252;berwachung keine Risikoerh&#246;hung dar und der Nutzen des potentiellen T&#228;ters wird dadurch nicht eingeschr&#228;nkt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Ergebnis deckt sich mit britischen Studien, die <span style=\"background-color: #ffff99;\">keinen Zusammenhang zwischen der Aufkl&#228;rungsrate und der Anzahl der installierten Kameras<\/span> feststellen <a href=\"https:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2008\/09\/12.mondeText.artikel,a0054.idx,17\">konnten<\/a>.<\/p>\n<h3>St&#228;rkung des Sicherheitsgef&#252;hls fragw&#252;rdig<\/h3>\n<p>In einer anderen <a href=\"http:\/\/kups.ub.uni-koeln.de\/1861\/1\/Dissertation_Ketzer.pdf\">Studie<\/a> weist Ketzer darauf hin, dass Video&#252;berwachung vielfach auch dann bef&#252;rwortet wird, wenn sie die Sicherheit nicht erh&#246;ht. Schon in der Erf&#252;llung &#246;ffentlicher Erwartungen und in der <span style=\"background-color: #ffff99;\">Vermittlung eines Gef&#252;hls von Sicherheit<\/span> liege n&#228;mlich ein Imagegewinn f&#252;r die Verantwortlichen.<\/p>\n<p>Brandt nimmt in ihrer Vergleichsstudie aufgrund von Angaben der befragten St&#228;dte an, die Video&#252;berwachung habe das Sicherheitsgef&#252;hl dort verbessert. Die Angaben der St&#228;dte sind nach meiner &#220;berzeugung aber aus folgenden Gr&#252;nden nicht tragf&#228;hig:<\/p>\n<ol>\n<li>In den meisten F&#228;llen ist die <span style=\"background-color: #ffff99;\">Einsch&#228;tzung des Sicherheitsgef&#252;hls aus der Luft gegriffen<\/span> und nicht durch eine Befragung gest&#252;tzt.<\/li>\n<li>Vereinzelt wurden B&#252;rger befragt, ob sie sich durch die Video&#252;berwachung sicherer f&#252;hlten (was mehrheitlich bejaht wurde). Um R&#252;ckschl&#252;sse auf das Sicherheitsgef&#252;hl zuzulassen, m&#252;sste die <span style=\"background-color: #ffff99;\">Befragung aber anders angelegt werden<\/span>: Die gef&#252;hlte Sicherheit m&#252;sste vor und nach Einf&#252;hrung der Video&#252;berwachung erfragt werden, und zwar ohne Hinweis auf die Kameras (oft ist die &#220;berwachung den Menschen nicht bewusst und kann schon aus diesem Grund das Sicherheitsgef&#252;hl nicht beeinflussen). Um eine nachhaltige Wirkung zu belegen, m&#252;sste die Befragung einige Zeit nach Einf&#252;hrung wiederholt werden (Gew&#246;hnungseffekt). Eine Vergleichsbefragung m&#252;sste an einem nicht &#252;berwachten Ort durchgef&#252;hrt werden, um allgemeine Ver&#228;nderungen des Sicherheitsgef&#252;hls ausfiltern zu k&#246;nnen. Und es m&#252;sste sichergestellt sein, dass an dem &#252;berwachten Platz keine sonstigen Ver&#228;nderungen erfolgt sind (z.B. Beleuchtung, Kontrolldichte), die Einfluss auf die gef&#252;hlte Sicherheit haben k&#246;nnten. Meines Wissens gibt es bisher keine Untersuchung, die nach diesen Ma&#223;st&#228;ben eine nachhaltige St&#228;rkung des Sicherheitsgef&#252;hls durch Video&#252;berwachung belegen w&#252;rden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Umgekehrt berichtet Ott in einer anderen <a href=\"http:\/\/www.grin.com\/de\/e-book\/232682\/kameras-gegen-gewalt-wie-effektiv-ist-die-oeffentliche-videoueberwachung\">Untersuchung<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#196;hnlich ern&#252;chternd ist die Bilanz von Video&#252;berwachung im Hinblick auf die Kriminalit&#228;tsfurcht. In den wenigen F&#228;llen, wo systematische Evaluationen stattgefunden haben, lassen sich <span style=\"background-color: #ffff99;\">kaum positive Auswirkungen<\/span> feststellen. Vielmehr ist es sogar m&#246;glich, dass durch das Errichten von &#220;berwachungsanlagen die Kriminalit&#228;tsfurcht der Menschen steigt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine vergleichende Studie von insgesamt zehn britischen Video&#252;berwachungssystemen habe &#8222;<span style=\"background-color: #ffff99;\">keinen R&#252;ckgang der Kriminalit&#228;tsfurcht<\/span> ausmachen&#8220; k&#246;nnen. Auch in Wien &#8222;f&#252;hrte die Existenz der &#220;berwachungssysteme &#8230; nicht zu einem erh&#246;hten Sicherheitsgef&#252;hl.&#8220; Gesamtgesellschaftlich verweist Ott darauf, dass die zunehmend fl&#228;chendeckende Video&#252;berwachung Gro&#223;britanniens nichts an der &#8211; etwa gleich bleibenden &#8211; Angst vor Kriminalit&#228;t dort ge&#228;ndert habe.<\/p>\n<p>Selbst wenn sich die Menschen in &#252;berwachten R&#228;umen sicherer f&#252;hlen w&#252;rden, k&#246;nnte dies die objektiv nicht wirksame Video&#252;berwachung kaum rechtfertigen. Die <span style=\"background-color: #ffff99;\">blo&#223;e Illusion von Sicherheit<\/span> vermag den Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Menschen, die nicht ohne Anlass &#252;berwacht werden m&#246;chten, nicht zu rechtfertigen (um eine Illusion von Sicherheit zu vermitteln, w&#252;rden im &#220;brigen blo&#223;e Attrappen gen&#252;gen).<\/p>\n<p>Ketzer weist darauf hin, dass der subjektiv erhoffte Nutzen von &#220;berwachungskameras nicht selten auf <span style=\"background-color: #ffff99;\">falschen Annahmen<\/span> <a href=\"http:\/\/kups.ub.uni-koeln.de\/1861\/1\/Dissertation_Ketzer.pdf\">beruhe<\/a>. So werde Kameras, die blo&#223; aufzeichneten, f&#228;lschlich eine Interventionswirkung aufgrund einer vermeintlichen Live-Beobachtung zugeschrieben.<\/p>\n<h3>Desinteresse an aussagekr&#228;ftiger Kosten-Nutzen-Analyse<\/h3>\n<p>Insgesamt stellt Brandt bezogen auf Video&#252;berwachung in Deutschland fest, dass <span style=\"background-color: #ffff99;\">in den meisten F&#228;llen keine Untersuchungen vorliegen, die <a href=\"http:\/\/www.daten-speicherung.de\/index.php\/studie-videoueberwachung-kaum-von-nutzen\/\"><span style=\"background-color: #ffff99;\">wissenschaftlichen Kriterien<\/span><\/a> gen&#252;gten<\/span> und stichhaltige Aussagen &#252;ber die Wirkungen der Video&#252;berwachung zulassen w&#252;rden. In nur drei F&#228;llen sei eine wissenschaftlich begleitete Evaluation erfolgt (Anm.: Die von St&#228;dten und L&#228;ndern immer wieder durchgegebenen Erfolgsmeldungen sind schon aus diesem Grund meist nicht tragf&#228;hig). Brandt schl&#228;gt vor, die Mittelvergabe f&#252;r Video&#252;berwachungsprojekte k&#252;nftig von einer tragf&#228;higen Evaluation abh&#228;ngig zu machen, und wirft die Effektivit&#228;tsfrage auf:<\/p>\n<blockquote><p>Aufgrund der <span style=\"background-color: #ffff99;\">hohen Kosten von insgesamt ca. 3,4 Millionen<\/span>, die in Deutschland in die Video&#252;berwachungsanlagen allein f&#252;r die Errichtung investiert wurden, ist es notwendig und w&#252;nschenswert eine sachgerechte Wirkungsevaluation durchzuf&#252;hren, so dass z.B. Hypothesen in Bezug auf die Wirkungsmechanismen &#252;berpr&#252;ft werden k&#246;nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass offenkundig kein Interesse an einer aussagekr&#228;ftigen Kosten-Nutzen-Analyse besteht, teilweise sogar begonnene Studien wieder abgebrochen <a href=\"http:\/\/www.humanistische-union.de\/nc\/themen\/datenschutz\/videoueberwachung\/videoueberwachung_details\/back\/videoueberwachung\/article\/videoueberwachung-in-den-u-bahnen-bringt-keinen-sicherheitsgewinn\/\">werden<\/a>, ist aber auch aufschlussreich. Es zeigt, dass die <span style=\"background-color: #ffff99;\">Sicherheit der B&#252;rger f&#252;r die Verantwortlichen nicht entscheidend<\/span> ist. Es gen&#252;gt die Popularit&#228;t der Video&#252;berwachung. Da diese Popularit&#228;t in vielen F&#228;llen nicht zu brechen sein scheint, d&#252;rfte es ratsam sein, Alternativen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. K&#246;nnen die Kosten einer Video&#252;berwachungsma&#223;nahme stattdessen anderweitig f&#252;r wirklich wirksame Sicherheitsma&#223;nahmen eingesetzt werden (z.B. f&#252;r Beleuchtung oder Personal), wird die Entscheidung h&#228;ufig anders ausfallen.<\/p>\n<p>Siehe auch:<\/p>\n<ul>\n<li><a title=\"Studie: Video&#252;berwachung kaum von Nutzen [erg&#228;nzt]\" href=\"..\/index.php\/studie-videoueberwachung-kaum-von-nutzen\/\">Studie: Video&#252;berwachung kaum von Nutzen<\/a><\/li>\n<li><a title=\"Permanent Link to Nutzen von Video&#252;berwachung in Berlin und London\" href=\"..\/index.php\/nutzen-von-videoueberwachung-in-berlin-und-london\/\" rel=\"bookmark\">Nutzen von Video&#252;berwachung in Berlin und London<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren habe ich &#252;ber eine Studie im Auftrag des britischen Innenministeriums berichtet, derzufolge Video&#252;berwachung ein ineffektives Hilfsmittel ist, wenn sie die Kriminalit&#228;tsrate senken und das Sicherheitsgef&#252;hl der Menschen st&#228;rken soll. 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